what the **** am I doing here again?

Ich bin nun seit beinahe einem Monat wieder hier, im Land der begrenzten Unmöglichkeiten. Die erste Aufregung ist vorbei, die erste Hausübung geschrieben, für die Uni alles erledigt, die Kinder wieder gesehen, sämtliche Freunde wieder getroffen, Handy besorgt, Zimmer eingerichtet… der Alltag ist da.

Wenn man ins Ausland geht, macht man veschiedene Phasen und die dazugehörigen Stimmungen durch. Erst ist die große Aufregung: alles ist neu und spannend, man selber ist „die Neue“, alle zeigen Interesse, man nimmt alles wie durch eine Seifenblase wahr- alles ist so viel besser als daheim. Und dann wird alles normal und alltäglich, man realisiert: hier ist es so ganz anders als daheim und eigentlich ist es daheim besser- die große Krise bricht ein. Und dann hat man die Wahl: entweder man sperrt sich ins Zimmer ein, sudert und jammert, ODER: man aktzeptiert es und geht hinaus. Und irgendwann kommt man dann drauf: Ja, alles ist anders, vieles ist besser daheim, ABER: ich hab es mir so ausgesucht. Und dann geht es wiederebrgauf. Nicht unbedingt so wolkenschwebend wie am Anfang, aber man aktzeptiert die Tatsache: es ist anders, und anders ist nicht schlechter, nur halt anders.

Ich habe diese Phasen schon oft durch gemacht (Auslandsjahr in Argentinien, Aupairjahr in Schweden, Aupairjahr in Amerika, Praktika in Deutschland und Schweden…) und habe eigentlich gelernt, damit umzugehen.
Dennoch hat es mich etwas verwundert, das diesmal die erste Krise so bald kommt (für meine Verhältnisse)
Ich bin nun seit gut 4 Wochen hier und diese Woche ist die große Krise vor der Türe gestanden und hat angeklopft und ich habe ihr aufgemacht und es hat mich voll getroffen. Und ich hab mir gedacht: „WHAT THE HECK AM I DOING HERE?“

  • Ich lebe im Wald. Und ich meine IM WALD. Jeden Tag trampelt das Wild durch den Garten und frisst die Blumen. (Und heute ist mir so ein wahnsinniges Viech vors Auto gehüpft. Vollbremsung und so. Depperte Viecher, kann ich nur sagen! Im Stockdunkeln so ein Tier in der Windschutzscheibe kleben zu haben, fände ich nicht so prickelnd) Wenn wir die Türen nicht zu machen, kann schon mal passieren, dass sich eine riesen Hornisse, Schlange, Käfer, etc im Haus verirrt. Und die Spinnen. RIESEN SPINNEN.
  • Ich habe kein eigenes Auto. Wir machen hier voll auf Ekohipster und teilen uns eines. Was eigentlich gut funktioniert, wenn wir uns vorher absprechen. Nun ist es aberr manchmal so, dass Termine kollidieren und mein Coffeeshopstudydate mit mir und meinem Chai Latte nun mal nicht Priorität hat, wenn es darum geht, dass andere zum Arzt müssen. Und dann kann es schon mal sein, dass ich im Wald festsitze.
  • Studieren auf Englisch. Kein Problem für mich, ich kann ja fließend Englisch sprechen, bin ja sowieso ein Sprachengenie und überhaupt. Bis dann die erste wissenschaftliche Arbeit bevorstand und ich auf gutem Englisch historische Fakten diskutieren musste. Aja und das Quellenverzeichnisangeben und Zitierregeln sind hier ganz anders als daheim und wenn ich etwas falsch angebe (weil ich es nicht besser weiß) kann schon mal als Plagiat angesehen werden und wird nicht benotet, was Punkte Abzug gibt und auf die Endnote Auswirkungen hat. Und sogar gemeldet werden kann.
  • Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten… Davon bekomme ich leider nicht so viel mit. Im Gegenteil: mit dem Studentenvisa darf ich nicht arbeiten, Alkohol darf ich nur in Lokalen trinken, die eine Genehmigung haben, mit dem Fahrrad darf ich nicht fahren, weil zu gefährlich und wenn ich (unabsichtlich) das Grundstück meines Nachbarn betrete, kann der mich erschießen- ist ja Hausfriendensbruch und er kann ja nicht wissen, dass ich unbewaffnet bin. Und Fenster darf ich nicht öffnen, weil die Klimaanlage rennt und es Energieverschwendung wäre. Aja. Dann schalten wir halt die Klimaanlage aus? Nein, dann ist es zu heiß. OKAY. WHAT EVER.
  • Plastik, Plastik, Plastik. Und sie sehen es nicht ein, dass man den ökoligschen Fußabdruck verkleinern kann. Mülltrennung, anyone?
  • Ernährung. Nein, gezuckertes Obst im Kompott ist NICHT gesund. Und nur weil „Bio“ oben steht, heißt es nicht, dass es gesund ist.
  • Das süße Leben des Aupairs ist nun vorbei: kein Coffeeplacedate, wo ich Latte Macchiato schlürfen kann während die Kinder spielen. Kein wöchentlicher Check mehr. Benzin, Fitnessstudio und Handy wird nicht mehr bezaht. Statt dessen muss ich lernen, lernen, lernen, sparen, sparen, sparen.
  • Meine Mitschüler. Echt. Ich verdreh die Augen.
  • I MISS THEM SOSOSO MUCH. Warum sagt einem eigentlich keiner, wie sehr man die Kinder vermissen wird? Man baut eine Beziehung auf, wird zur Bezugssperson, verbringt den ganzen Tag mit ihnen… und dann geht man wieder. Und ich hab es ja noch sehr gut, ich sehe die Schatzileins (wie ich sie immer nenne) nach wie vor in der Kirche und werde auch ab und zu zum Essen eingeladen. Und trotzdem vermisse ich sie jeden Tag. Am Sonntag war ich zum Mittagessen eingeladen und der Kleine fragte: „Do you live here again? Can we have a sheep over?“ (statt Sleep over)
  • Heimweh. Ich doch nicht. Hahaha.
  • Achja, und hatte ich erwähnt, dass ich IM WALD WOHNE????

So. Da bin ich nun und leide und sitze in Pyjama vorm Fernseher und pflege mein Selbstmitleid. Und gebe allen die Schuld, die anderen sind schließlich Schuld daran, dass die Geschichtsarbeit so schwer ist. Und dass ich die Kinder vermisse. Und wenn wir schon dabei sind: dass wir Spinnen im Wald haben. Und irgendwann bin ich dann drauf gekommen: Ich kann die Umstände nicht ändern. Ich kann nur meine Einstellung ändern. Und ja, ich habe zu hohe Ansprüche an mich, an meine Mitbewohner, ans Studium, an den Freund, an Amerika. Und warden die nicht erfüllt, werde ich frustriert und schnauze alle an, weil es ist ihr Fehler!

Sonntags habe ich eine sehr gute Predigt gehört: „Fill your heart with Joy and have a thanksgiving attitude“ oooops… hab ich wohl was verpasst, weil ich zu beschäftigt war, mein Selbstmitleid zu pflegen. Dass musste ich erst mal verdauen und habe dann begonnen, mich bei meinen Mitmenschen zu entschuldigen, dass ich ihnen gegenüber so unfair war.

Und was soll ich sagen? Klar, mich nervt vieles nach wie vor. Aber heute bin ich meinen Mitschülern mit einem Lächeln begegnet und habe versucht, NICHTS zu denken. Und es hat geklappt. Es kommt auf die Einstellung an.

Ich kann ENTSCHEIDEN, wie ich mit einer Situation umgehe. Und ich entscheide mich, dankbar zu sein.

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(meine Geschichtsarbeit habe ich übrigens rechtzeitig eingereicht und 100/100 Punkten bekommen.)

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2 Gedanken zu “what the **** am I doing here again?

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