Kulturschock. Und der Unterschied zwischen Aupairleben und Studentenleben.

Ich bin ja schon manchmal naiv. Besonders, als ich so gejammert hab, ich möchte unbedingt hier bleiben. Weil es mir so daugt. „Bleib ich halt einfach da“- ja „Einfach“ ist was anderes. Ich füll einfach ein paar Formulare aus, geh zum Visainterview und flieg wieder her. Alles schön und gut. Nur was ich NICHT beachtet habe, ist der Unterschied zwischen dem süßen Aupairleben und dem Studentenleben. (Und glaubt mir, Aupairleben ist echt anstrengend, ich war sozusagen Singlemum den ganzen Tag, mein Job war nicht nur Spielen, sondern auch Erziehen, darauf achten, dass die Kinder sich Gesund ernähren, aufräumen, Hausaufgabe machen, Töpfchentraining…) aber, was ich vergessen habe: mir wurden die Handyrechnung, das Fitnessstudio, das Benzin und das Essen bezahlt, ich konnte das Auto 24/7 benutzen, wenns gar nicht mehr ging, konnte ich den Buben ins Kaffeehaus mit schleppen und Playdates waren auch super. Nur Spielplatzsitzen… urgh. hate it.
Jetzt, als Studentin kommt nicht mehr der wöchentliche Check, ich muss Benzin und Handy selber zahlen (Fitnessstudio ist zum Glück gratis, weil ich als Studentin bei der Familie mitgehen kann), ich muss mir Unterlagen selber besorgen, ich muss Hausübung schreiben, Referate vorbereiten… Und das tue ich echt, echt gerne, aber gegen so ein Playdate mit Kaffee und Kuchen hätte ich nichts einzuwenden.

Womit ich auch nicht gerechnet habe, bzw nicht vorbereitet war und womit ich während der Aupairzeit (fast) nie zu kämpfen hatte: Heimweh.
Als mein Papa mir erzählt hat, dass die Pfarrerstochter auch nach Amerika zum studieren gefahren ist und dann hier her geheiratet hat und so mit Heimweh zu kämpfen hatte, verdrehte ich nur die Augen: „Pff. Heimweh. Ich doch nicht“

Genau. Ich doch nicht. Denkste. Bis ich dann eines Freitag morgens da saß und nichts zu tun hatte (weil ich Oberstreber alle Hausübung schon erledigt hatte und auch das Zimmer zum 756. mal geputzt hatte) und kein Auto… ja, da hab ich dann realisiert: uff, joa. hmm. Und dann hat mir eine Freundin zum 3. mal abgesagt und ich bin in Tränen ausgebrochen: „no one likes me!!!“und der Freund meinte: „Nimm es nicht persönlich, so sind amerikanische Mädchen in den 20igern, es liegt nicht an dir“

„so sind amerikanische Mädchen in den 20igern…“ Hat er Recht?
Ist das eine Modeerscheinung, diese Unzuverlässsigkeit, sich nicht festlegen wollen, „spontan“ sein…? Liegt es an mir, liegt es an Amerika? Sind wir Menschen (besonders in den 20igern) so geworden, dass wir heute ja sagen, morgen nein, und nächste Woche sagen wir zu, nur um 2 Tage später abzusagen, „ich ruf dich an“ bedeutet: „Ich habe keine Lust, mich mit dir zu treffen, kann aber nicht nein sagen“, „let’s get coffee sometime“ heißt so viel wie „ich hab sonst nichts zu sagen und möchte diese peinliche Stille beenden“

Ich muss zugeben, ich habe damit zu kämpfen, mit dieser Oberflächlickeit, mit dieser Unverbindlichkeit. Und ich verstehe, dass ich zur Zeit einen ganz anderen Lebensrythmus habe, als die meisten Menschen hier, die einen 40 Stunden Job haben und dann noch diversen Aktivitäten, aber wann ist unsere Gesellschaft zu einem Haufen oberflächlicher, „ich kann mich nicht festlegen“ Menschen geworden, denen es schwer fällt, sich zu binden und Verantwortung zu übernehmen?

Damit muss ich mich erst zurecht finden, dass das Klischee „Amis sind so oberflächlich“ leider doch ab und zu zutrifft. Nicht immer, aber doch immer öfters. Und ich darf das auch nicht persönlich nehmen („Niemand mag mich“), sondern muss versuchen, Freunde zu finden, die in ähnlicher Situation sind, wie ich und ähnliche Werte haben (leider ist Zuverlässigkeit und Loyalität nicht selbstverständlich) und nicht jedesmal vor Freude in die Luft springen, wenn wer sagt: „We should get coffee sometime“- weil das heißt noch nichts.

Denn, obwohl wir alle in der westlichen Welt leben, Kulturunterschiede wird es immer geben. An ein paar, werde ich mich gewöhnen können, an ein paar eben nicht. Aber rummotzen hilft nichts. Es war ja meine Entscheidung hier zu bleiben. Und im großen und ganzen gefällt es mir sehr gut und ich weiß, es war die richtige Entscheidung. Nur einfacher wird es deshalb nicht unbedingt.

 

 

 

(Übrigens sitze ich gerade im Coffeeshop, als ein CLOWN reinkommt. Kein Schmarrn, ich übertreibe nicht. Und ich halluziniere auch nicht. Da war ein Typ, ganz Schwarz angezogen, der eine Clownmaske aufhatte. Oder Joker-like geschminkt war. Ich dachte, ich dreh durch. Ich leide nämlich an Clownangst, oder Klugscheisserisch: Coulrophobie. Die Amis, spinnen alle!)

 

 

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4 Gedanken zu “Kulturschock. Und der Unterschied zwischen Aupairleben und Studentenleben.

  1. Ich kenne deine Gefühlslage so gut und würde mich am liebsten mit dir auf einen Kaffee verabreden (WIRKLICH UND NICHT GEFAKED!). Als ich allein im Ausland gelebt habe, war ich stark auf die anderen angewiesen, auf ihre Freundschaft, Freundlichkeit, Zuwendung. Unverbindlichkeit und Unzuverlässigkeit ließen mich an mir zweifeln. Ich war immer sicher, es liegt an mir, wenn sich keine Freundschaften bildeten. Aber oft war es einfach so, dass die Menschen um mich herum schon ihr festes Netzwerk hatten und mich nicht wirklich „brauchten“, so wie ich sie brauchte.

    Ich wünsche dir, dass du jeden Tag erfährst, dass du geliebt bist – unabhängig von those girls in their 20s.

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    • DANKE für diese lieben Worte! Und du hast recht- die Leute hier haben schon ihr aufgebautes soziales Netzwerk (war ja bei mir daheim nicht anders,…)
      Ohja, Kaffe klingt herrlich! 😉

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