Perfekt, oder so

Ich finde, ich bin ziemlich perfekt und organisiert und habe alles unter Kontrolle. Und wenn ich selber nicht perfekt bin, muss es zumindest so ausschauen.

Und damit stehe ich mir selber ziemlich im Weg. Denn während ich krampfhaft versuche, alles unter Kontrolle zu haben, perfekt zu machen und dabei auch noch beliebt zu sein, vergesse ich den Spaß an der Sache.

Mir ist heute bei einem Gespräch ein Erlebnis vom Sommer eingefallen. Eine Freundin und ich wollten runter zum Fluss. Und sie kam eine Stunde zu spät. Und dann hat sie auch noch getrödelt und meinen perfekten Zeitplan durcheinander gebracht, weil sie noch Eis holen wollte. Und dann haben wir keinen Parkplatz gefunden. Und anstatt direkt zum Fluss, wollte sie noch spazieren gehen. Und während sie heute sagt: „Oh, das war so ein schöner Tag, als wir Eis essen waren, spazieren und dann im Fluss schwimmen“, sage ich: „Es war furchtbar. Nix ist so gelaufen, wie ich es geplant hatte“

Letzte Woche hatten wir ein Friendsgiving Dinner. Ich habs geplant, und Listen geschrieben und alles unter Kontrolle gehabt. Und dann hat ein Paar kurzfristig abgesagt. Und dann hat das Tischtuch nicht zu MEINEM Farbkonzept gepasst. Die Gäste waren spät (15 Minuten). Und überhaupt.

Ich stehe mir mit meinem Kontrollwahn, Perfektionismus und meinem „Ich mag, dass alle mich mögen“ ganz schön selber im Weg. Denn anstatt entspannt zu sein und locker zu lassen, verkrampfe ich mich und verstelle ich mich.

Weil:  Ich bin perfekt. Kann man schon sagen. Ich habe IMMER ALLES unter Kontrolle. Ich mache keine Fehler (Außer Tipfehler, und das ist der Fehler meiner blöden Tastatur). Ich bin IMMER pünktlich. Immer organisiert (ihr solltet mal meinen Kalender sehen. Alles in verschiedenen Farben gekennzeichnet, post its und to do Listen). Ich kann super kochen. Spreche  5 Sprachen. Bin super ordentlich. Gebe meine Hausübung IMMER pünktlich ab. Ich verliere NIE die Nerven. Bin IMMER gut gelaunt, freundlich, höflich. Jeder mag mich und ich mag jeden. Und ich habe immer eine extra Klopapierrolle im Badezimmer. (Ok, MANCHES hier ist übertrieben, aber der Kalender und die Klopapierrollen stimmen, und die Hausübung auch). Außer rückwärts einparken vielleicht. Da hilft mir der Freund. Aber das liegt nicht an meiner Unbegabtheit, sondern das die Autos hier anders gewinkelt sind und die Bordsteinkanten höher sind. Also ist es nicht so, dass ICH ein Rückwärtseinparkludl bin, sondern die Straßenbaubehördendingens in den USA einfach die Winkeldingens… whatever.

Nur schreckt das andere Leute ab. Denn die wissen ja nicht, dass ich eigentlich total unsicher und schüchtern bin. Ich rede mir ein, Versagen ist ein Zeichen von Schwäche. Und ich bin nicht schwach. Ich kann alles alleine. Also gibt es kein Versagen. Oder Nicht Können.

Aber stimmt das wirklich?

Es ist in Ordnung, etwas NICHT zu können. Es ist in Ordnung, einen 2er auf eine Arbeit zu bekommen. (Und bis heuer war ich mehr auf der 3er und 4er Seite, als 1er…;-) Und jetzt krieg ich schon Panik, wenn ich statt 40 Punkten nur 39.6 Punkte bekomme…) Es ist OK, wenn ich mal nicht alles organisiert und unter Kontrolle habe. Es ist OK, jemanden um Hilfe zu bitten. Und es ist OK, wenn mich jemand nicht mag. Davon geht die Welt auch nicht unter.

Einfach mal entspannen und locker lassen.

Denn: „Und er hat zu mir gesagt: Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf daß die Kraft Christi bei mir wohne.“ (2. Korinther 12:9, Luther Übersetzung)

Das Friendsgiving Dinner war übrigens der Hammer. Ab dem Zeitpunkt, wo ich mich entspannt hatte und nicht wie ein hysterisches Huhn durch die Gegend gerannt bin, war es super. Essen war genug da (Und das obwohl ich keine Liste hatte, wer was bringt…), die Dekoration war schön, Gespräche waren tief und gut (und am nächsten Tag habe ich so viel gutes Feedback bekommen und bestätigt bekommen, dass der Freund und ich die besten Freunde sind, also ist meine Welt im Lot. Haha. Oh i love being awesome) Ich habe mich sogar getraut, ein Mädchen aus der Kirche anzusprechen und zu fragen, ob sie mal Kaffee trinken gehen möchte mit mir. Uff, Überwindung! Was, wenn sie mich nicht mag? Was, wenn sie Nein sagt?

Was wenn… es gut geht?

 

 

 

(Bei all dem Perfekt sein habe ich sogar vergessen, einen Titel zu schreiben… haha not perfect:-))

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6 Gedanken zu “Perfekt, oder so

    • dankeschön! ich muss es immer wieder lernen… witzigerweise war ich früher mega chaotisch, unordentlich und unorganisiert, alles am letzten drucker und egal wie es ausschaut, hauptsache es ist gemacht…

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  1. das ist wirklich ein wunderbarer Beitrag 🙂 danke, dass du mich noch darauf aufmerksam gemacht hast!
    du hast das Problem Perfektionismus so richtig schön bildhaft beschrieben. und die Aktion mit dem Nachmittag mit deiner Freundin hat mich so ziemlich an (fast) jedes Treffen mit meiner Besten erinnert, weil die nie so klappen, wie wir uns das vornehmen, doch jedesmal bin ich einfach dankbar, dass wir uns bei unseren knappen Zeitplänen überhaupt treffen konnten 🙂

    einen wunderbaren Start ins Wochenende, du Liebe!
    ❤ Tina
    https://liebewasist.wordpress.com/

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  2. dazu fällt mir dieses wunderbare zitat ein: „But what if I fall?“ „Oh darling, what if you fly?“. danke übrigens für den text. ich bin in gewissen punkten schon anders, aber der kontrollwahnsinn, der ist mein zweiter vorname. und ich glaube (um auf den kommentar vom ersten zurückzukommen), der ist mitunter für meine rückenschmerzen mitverantwortlich. und überhaupt raubt einem der die lebensfreude. das mit dem lockersein, das hab ich irgendwie nicht gelernt. das ist meine große challenge, aber noch bin ich dem ziel nicht so richtig näher gekommen.

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