Argentinien

(Kurzer Gedankeneinschub: yeah, seit Samstag habe ich ENDLICH einen Schreibtisch, und jetzt sitze ich an meinem neuen Platz, am Fenster, und schreibe am COMPUTER und nicht so wie die letzten Monate am Ipad/IPhone auf dem Sofa, im Bett oder in der Küche…)

Heute gehen die Gedanken rund. Nicht nur, weil ich Wohnung aufräume, einräume, umräume, meine ganzen Schulsachen, die jetzt 3 Monate in Kisten irgendwo rumgekulltert sind, wieder einordne, meinen Schreibtisch einräume  und mich langsam auf das kommende Semester vorbereite, sondern auch, weil mir heute mal wieder bewusst geworden ist, wie schnell die Zeit doch vergeht.
Heute vor zehn(!!!) Jahren, haben mich meine Eltern und Schwestern zum Flughafen gebracht und ich bin in das große Abenteuer Schüleraustausch aufgebrochen. 5 1/2 Monate Argentinien.

Man, war ich damals naiv und unvorbereitet. (Gepackt habe ich glaub ich am Abend davor, 1 Koffer und eine Tasche… wenn ich heute ein Wochenende verreise, habe ich mehr Gepäck)

Ich weiß noch, wie ich damals in der Schule die Freistunde mit einer Freundin verbracht habe, als eine Gruppe Austauschschüler zu uns gekommen sind und ihr Programm vorgestellt haben und ich heim gefahren bin und meinen Eltern verkündigt habe: „Ich mach ein Austauschsjahr“. Okay. Also mal informieren, zu Vorbereitungs- und Kennenlerncamps fahren, Formulare ausfüllen, Visum beantragen, Dokumente zusammen suchen und kopieren und schwupps war es August und wir sind zum Flughafen.

Was gab es da Tränen. Und Drama. Und Liebeskummer.

FÜNF MONATE. Das klang damals so unglaublich lang und Argentinien so weit weg. (Ist es ja auch, 2 Stunden von Wien nach Frankfurt, umsteigen, 15 Stunden Flug bis nach Sao Paolo, Zwischenlandung und dann noch mal drei bis nach Buenos Aires, wo es ein Vorbereitungscamp gab und von dort zwei Stunden bis zu meiner Stadt)

Da standen wir also, und die Tränen flossen und ich war super nervös und aufgeregt und ganz kribbelig und als das Flugzeug dann abhob dachte ich nur: „Wow, es geht jetzt wirklich los“

Ich weiß noch genau, wie es sich angefühlt hat, in Argentinien. Alles war so neu. Und roch so ganz anders. Und alles war spannend. Und ich war so unglaublich müde.

Besonders kann ich mich an den Kaffee erinnern. Ein Löskaffee, gemischt mit Milchpulver und ganz viel Zucker. Unglaublich süß. Und das Haus, in dem meine Gastfamilie lebte, war so ganz anders. Ich kann mich noch ganz genau an den Geruch erinnern. Morgens roch es immer nach verbranntem Toast, zu dem wir einen Art süßen Frischkäse aßen. Und Mate. Das Teegetrank, das jeder Argentinier trinkt. Mein erster Satz, den ich zu meiner Gastmama sagte, brav in Flugzeug auswendig gelernt: ‚Soy Lisa. No te entiendo‘.

Zwar hatte ich zwei Jahre lang Spanisch in der Schule gelernt, aber das half mir nichts weiter. Wenn jemand hochdeutsch lernt und dann nach Vorarlberg kommt. Null habe ich verstanden. Fünf Sätze habe och brav auswendig gelernt, und das war das einzige was ich die ersten Wochen gesagt habe: ‚Hola. Me llamo Lisa. Soy de Austria. No entiendo. Como estas?‘

Langsam, ganz langsam habe ich mich getraut, den Mund aufzumachen. Immer dabei: mein mini Wörterbuch, das am Ende ganz zerfleddert war.

Ich bin in eine Landwirtschaftsschule gegangen. Am Programm stand unteranderem: Schafe schlachten. Bohnen pflanzen. Es war eine kleine Schule mit 120 Schülern, und da ich die einzige Austauschschülerin war, hat mich jeder gekannt. Die Mädchen mussten eine Art Kittel tragen, das war die Uniform. Ich wollte das nicht und bin prompt beim Direktor vorgeladen worden. Einmal, als wir auf dem Weg vom Schulgebäude zum Stall waren, kamen aus dem nichts meine Klassenkameraden und haben mich geschnappt und ihn den Wassertrog geschmissen. Was haben wir gelacht! Allerdings wäre ich beinahe suspendiert worden.

Für meine Mitschüler war ich die reiche Europäerin, weil sich meine Eltern einen Fernseher UND einen Computer leisten konnten und ich mir eine Kamera. Ja, an diese Armut erinnere ich mich gut. Da haben 8 Geschwister in einem Zimmer schlafen müssen, die Stadt war furchtbar staubig und schmutzig. Aber gelacht haben alle- ganz unbeschwert. Ich kann mich erinnern, dass auf der Straße Kinder stehen geblieben sind, um mich anzustarren, weil ich (verglichen mit ihnen) blond und so hellhäutig war und nochdazu so groß).

Und getanzt wurde. Ganz viel. Manchmal haben wir uns im Park getroffen, mit einem CD player und haben getanzt. Auch in der Schule mit den Lehrern.

Auf der Straße gab es ganz viele Straßenhändler, die Schmuck verkauften, einmal sind wir in den Norden gefahren, an die Grenze zu Paraguay (mir ist im Bus so schlecht geworden, dass ich mich mega übergeben haben müssen… 30 Stunden Busfahrt ist halt nicht so einfach), dort gab es die frischesten Früchte, die ich je gegessen habe!

Meine Gastgroßeltern hatte eine Schaffarm, zu der wir gefahren sind. „Nicht weit entfernt“- also 6 Stunden Fahrt. Die Farm lag so abgelegen, das nächste Dorf (mit einer Tankstelle und drei Häusern) war drei Stunden entfernt. Nachts war es so dunkel- und dieser Sternenhimmel, den vergesse ich nie. Die Sterne sahen ganz anders aus, als daheim. Und alles war so unendlich weit. Mein Gastbruder hat gejagt, und so sind wir mit dem Jeep los um Guanacos zu jagen, durch den Fluss und einer Herde hinter her. Geritten haben sie auch, wie richtige Gauchos, aber ich hatte zu sehr Schiss, heute bereue ich es irgendwie…

Einmal sind wir ans Meer gefahren und haben Pinguine, Wale und Seelöwen gesehen… die gab es da en masse. In einem kleinen Restaurant habe ich zum ersten Mal Muscheln gegessen… so ganz begeistert war ich damals nicht, aber meine Gastschwester hat mich aufeinmal angestarrt: „Ich bin so neidisch, du hast ja türkise Augen- das hätte ich auch gerne“

Damals war Kommunikation mit Österreich nicht ganz so einfach. Wir hatten MSN Messenger, und emails und ich hatte eine Telefonwertkarte, mit der ich einmal im Monat zu Hause angerufen habe.

Besonders war es zu Weihnachten und an Silvester- wir lagen am Pool, weil es ja Sommer war. Das war mein erstes Weihnachten ohne meine Familie, und ich hab ganz viel geheult, weil meine Gastfamilie nicht wirklich Weihnachten gefeiert hat, und mir meine Familie so richtig abgegangen ist.

Angst hatte ich nie, gefährlich war es- dachte ich zumindest- nicht. Klar, abends durfte ich nicht allein auf die Straße, und weil wir alle blond und blauäugig und groß war, sind wir immer in Begleitung meines Gastbruders fortgegangen, der uns ‚beschützt‘ hat.

Heute denke ich mir, wie konnte ich nur so unvorbereitet los ziehen? Wenn ich heute verreise, packe ich schon 2 Wochen vorher. Schreibe alle Telefonnummern auf, informiere mich uber alles. Damals- damals hatte ich nichts vorbereitet, fahrma halt mal los.

Es waren tolle fünf Monate. Keine Frage.

Vermisse ich es? Manchmal vermisse ich die Leichtigkeit, na trinken wir halt mal einen Mate und chillen. Heute muss alles organisiert und geplant und gedenkt warden. Dort war alles: „Ja, schau ma mal, ich komm dann mal ruber und wir chillen“.

Und ich vermisse es, Spanisch zu sprechen.

Manchmal, wenn ich ein bestimmtes Wort höre, oder zB verbrannten Toast rieche, denke ich sofort an mein Zuhause in Argentinien.

‚Che‘ war so ein Wort. Alle wurden mit ‚che‘ angesprochen. Ungefähr so, wie hier alle ‚dude‘ sagen.

Als ich wieder heimgekommen bin und im Spanischunterricht spanisch gesprochen habe, musste mich meine Lehrerin daran erinnern, Spanisch Spanisch zu sprechen, und nicht Argentinisch Spanisch. Anfangs tat ich mir im Englisch Unterricht schwer, da sind mir oft die Wörter nicht eingefallen und ich habe einfach ins Spanische gewechselt.

Wow, wie schnell 10 Jahre doch vergehen.

Und wie viel sich in 10 Jahren geändert und getan hat.

 

 

 

 

(Ich wollte zu diesem Beitrag ein paar Fotos von meinem Argentinienabenteuer anhängen, allerdings befinden die sich auf der Festplatte in Österreich… wahrscheinlich würde sich eh jeder nur denken: whaaat? So hat die sich rausgetraut? Ich sage nur Jeans, knielanger Rock drüber, Papas Krawatte und zweifärbige Converse…)

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