Living in Charlotte. [Vorstellung vs. Realität]

… und warum ich im Pyjama in einer Bar sitze und scrabble.

Seit etwas mehr als einen Monat wohnen wir nun in Charlotte, North Carolina.

Oft erwische ich mich dabei, Situationen zu vergleichen: wie hat mein Leben ausgesehen nach meinem ersten Monat in Argentinien? Wie viele Freunde hatte ich nach einem Monat in Schweden (null. Da hab ich nämlich im Wald gewohnt und kannte niemanden). Wie involviert war ich nach dem ersten Monat in Virginia? Wie gut kannte ich die Stadt da schon?

Um ehrlich zu sein, ich kann das alles nicht vergleichen. Erstens war ich bei all diesen Umzügen und Neuanfängen viel jünger (16 in Argentinien!), zweitens Single und drittens entweder Schülerin oder in einem Aupairprogramm.

Umziehen ist nicht einfach, ich vermisse meine Freunde in Richmond, mein Lieblingscafé, die Uni. Hier kenne ich mich noch nicht aus in der Stadt, erst seit einigen Tagen traue ich mich mit dem Auto zu fahren (ich bin halt noch nie wirklich in einer Großstadt Auto gefahren. Obwohl, Washington DC ist schon ziemlich groß).

Gerne würde ich jetzt sagen, ich führe das Leben einer Bankersfrau wie bei Mary Poppins. Mrs. Banks und die Suffragetten werfen faule Eier gegen Gefängnisfenster (noch muss ich für das Frauenwahlrecht nicht kämpfen). Oder ich sitze jeden Tag im Café ala Gertrude Stein, Hemingway und Fitzgerald, trinke Kaffee und warte auf Inspiration für mein neues Stück und abends gehen wir tanzen. Charlotte ist mein Paris.

Die Realität sieht anders aus. Viele Tränen, weil mir meine Freunde, meine Comfortzone und meine vertraute Umgebung abgeheb (und mein dirty chai beim Barista meines Vertrauens, der, nebenbei, auch noch aussieht wie Ryan Gosling in Lars and The Real Girl, und die Pizzeria ums Eck). Viel Frust, weil ich mich immer noch verlaufe und verfahre. Viel Herzerl BummBumm, wenn ich wem in der Kirche anspreche und mich vorstelle. „Möchtest du dich vielleicht die Woche auf einen Kaffee treffen?“. Wieso können 10 Wörter nur so schwer fallen? So viel Angst vor einer Absage, oder noch schlimmer: mich zu blamieren. Immer wieder die selben Sätze runter ratschen: „hi I’m Lisa, I just moved here…“ bla bla bla und schnell erklären, woher mein Aktzent kommt und wie Daniel uns kennen gelernt haben.

Es braucht Zeit, Freundschaften zu schließen. Es ist ein gewisses Risiko, man fängt wieder bei Null an.

Letzte Woche habe ich all meinen Mut zusammen genommen und bin quer durch die Stadt gefahren, um mich mit einer Frau aus der Kirche zu treffen- Coffee and/or walk? Anfangs war es etwas „awkward“- worüber redet man? Man will ja nicht gleich mit der Türe ins Haus fallen und alle verjagen, wenn man die peinlichen Alltagsgschichtln hervor kramt. Also sind wir erst mal schweigend mit der Tasse Kaffee dagestanden und haben begonnen uns etwas holprig zu unterhalten. Erst mal nur den kleinen Zehen in Wasser dippen, Temperatur checken- ist man auf einer Wellenlänge? Hat man Gemeinsamkeiten? Den gleichen Humor?

Ein einhalb Stunden später haben wir uns beide den Mund fusselig geredet und viel gelacgt, hatten einen Sonnenbrand im Nacken und ich eine risen fette Blase am Zehen (nächstes Mal bitte bequeme Schuhe zum Spazierengehen anziehen!). Wir haben beide festgestellt, ohja, wir mögen uns.

War doch gar nicht so schlimm, oder?

Eine kleine Anekdote habe ich noch: ich wollte IMMER IMMER IMMER in der Stadt wohnen- mittendrin und a dabei. Walking Distance zu Cafes und Restaurants und Bars. Und das habe ich jetzt. Inklusive Lärm. Sirenen, die die ganze Nacht läuten, super laute Technomusik von der Bar gegenüber. Betrunkene Menschen, schreiende Kinder, Hupen, Feuerwehr, betrunkene Football fans, Stau, Müllabfuhr… all inclusive. Und neulich Nacht war es wieder so weit, irgendwo ging die Sirene los, ich kleistere mir gerade Zahnpasta ins Gesicht (weil soll ja gegen Pickel helfen), als auf einmal die Sirene so laut losgeht und Daniel ins Bad gerannt kommt: „Wir müssen sofort hinaus“ ich: „HÄ?“ Er: „Wir werden evakuiert!“ (Und dann haben wir den Lautsprecher schon gehört: „Bitte verlassen Sie sofort das Gebäude und benutzen Sie die Notausgange. Dies ist KEINE Übung“ . Er: „Los, jetzt!“ Ich: „SCHEISSE WAS ZIEHE ICH AN!“, Regenmantel an, in die Uggs schlüpfen, schnell Ausweis, Handy, Schlüssel, Lichter abdrehen, (ich bin halt so ein Stromsparfuchs! und dann 18 (ACHTZEHN) Stockwerke runtergerannt, während die Sirene die GANZE Zeit geläutet hat und im 10 Sekunden Takt ne Computerstimme gerufen hat: „Dies ist keine Übung, verlassen Sie sofort das Gebaude“. Als wir ENDLICH unten waren, sind wir erst mal auf ein Bier (wir haben nämlich ziemlich gleich herausgefunden, dass wohl jemand aus Spaß den Feueralarm gedrückt hat und es keine Gefahr bestand. Also sindd wir schön im Pyjama und mit Zahnpasta im Gesicht in der Bar gesessen und haben Bier getrunken, bis wir wieder ins Gebäude rein durften. Big City Life, am I right?

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2 Gedanken zu “Living in Charlotte. [Vorstellung vs. Realität]

  1. Siehste mal, wir sind von der besten Grossstadt der Welt in eine Kleinstadt gezogen und ich muss mich nach einem Jahr immer noch daran gewoehnen, dass hier halt alles langsamer und ruhiger ist. 🙂 Wenn ihr mal nen Abtecher zum Meer machen wollt, kommt doch mal in Wilmington vorbei!

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