Langsam.

Ich bin nicht der geduldigste Mensch. Am Liebsten würde ich alles sofort jetzt in der Sekunde oder am Besten vor 3 Tagen schon fertig haben.

Beim Sport zum Beispiel. Seit 3 Wochen gehe ich wirklich regelmäßig ins Fitnessstudio, achte auf meine Ernährung und trinke ausreichend Wasser. Und trotzdem hab ich noch ein (oder zehn) Speckrollen, mein Bauch schwabelt, und ich kann immer noch nicht 10 km am Stück laufen.

Seit 4 Wochen mache ich jeden Tag 10 Minuten lang Dehnübungen, mit denen mal laut Pinterest in 30 Tagen in den Spagat kommt. Und immer noch komme ich nicht im Stehen bis zum Boden, und im Langsitz zu den Zehen, und mein Rücken ist komisch gebeugt und vom Spagat bin ich so weit entfernt, wie ein Elch von Florida (bussi Papa!;-)).

Seit 2 Wochen schreibe ich Bewerbungen und habe immer noch keinen Job.

Seit 6 Wochen wohnen wir hier in Charlotte, und ich verfahre mich immer noch und kann das Haus ohne Navi nicht verlassen. Und außerdem vermisse ich Richmond jeden Tag.

Eigentlich dachte ich, ich sei 2 Jahre von meinem Uniabschluss entfernt und könnte dann gleich loslegen. Am Mittwoch habe ich erfahren, dass es noch ca 3 Jahre dauern wird, dann muss ich erst mal 2 Jahre arbeiten, bevor ich einen“license“ become- der gilt für 3 Jahre und DANN erst kann ich eine Prüfung ablegen, um ein „national certified Interpreter“ zu werden. Und das auch nur, wenn ich einen Bachelor habe. Also nach den 3 Jahren Studium kommen 4 Jahre Bachelorstudium noch dazu.

Und außerdem hätte ich gerne so ein kleines, feines Häuschen mit Garten und Veranda.

Dabei will ich doch JETZT schon 10 km am Stück laufen können, in den Spagat kommen (oder zumindest meine Zehen berühren können), als Dolmetscher arbeiten können, viele Freunde in Charlotte haben, mich hier auskennen, ein Haus mit Veranda und Kamin haben.

Und dann heule ich rum, motze rum, meckere, bin sauer auf meine Studienberater, die mir einfach was Falsches erzählt haben, bin frustriert, weil ich 27 Jahre alt bin und keinen Uniabschluss habe, seit 3 Jahren in den USA lebe und nachwievor Denk- und Sprechblockaden habe und bei Vorstellungsgesprächen so nervös werde, dass ich einen Stuss erzähle. Und ich kann immer noch nicht NEIN sagen, ohne schlechtes Gewissen und Angst, die Gefühle anderer zu verletzen.

ABER.

Ich habe 27 Jahre lang keinen (oder kaum) Sport gemacht und mich das letzte mal in der Volksschule gedehnt. Kein Wunder, dass ich nach 4 Wochen nicht in den Spagat komme.

Ich bin in meinem Leben nie mehr als 2 km am Stück gelaufen (ok, letztes Frühjahr war ich oft laufen und habe es einmal geschafft, 10 km zu laufen, aber dann konnte ich Tage lang nicht gehen). Es ist also kein Wunder, dass mir dann aufeinmal alles weh tut. Meine Muskeln sind es nicht gewohnt, so beansprucht zu werden. Ich habe etwas Aufholbedarf. Und darum mache ich weiter, auch wenn ich (noch) keine Erfolgserlebnisse sehe. Heute morgen dachte ich zum ersten mal, die Arme sehen etwas fester aus.

Am Mittwoch habe ich den Weg in die Bücherei und zurück OHNE Navi gefunden. Und nebenbei ein süßes Café entdeckt, wo es herrlich nach Bauernbrot und Schafskäse gerochen hat.

Ja, Ausbildung wird noch lange dauern, das ist frustrierend (vorallem kostenspielig). Aber ich lerne immerhin eine komplett neue Fremdsprache. Und einen neuen Beruf. Und das dauert. Und nebenbei beende ich noch mein Sozialwissenschaftsstudium. Oh man. Ich studiere na Sozialwissenschaften. Hatte ich glatt vergessen. Und ich brauch noch 2 Mathekurse und ein Naturwissenschaftskurs und ich bin fertig! Ja, es dauert lange, aber ich muss auch bedenken, dass das alles in einer Fremdsprache ist und ich nicht Mathe und Geologie in einem Semester belegen kann, einfach weil mein Hirn das nicht schafft.

Und es ist frustrierend, dass wir nach 2 Monaten uns immer noch so fremd in der Stadt fühlen. Und es wird dauern, bis es sich hier wie „Zuhause“ anfühlt (in Richmond hat es sich gleich am ersten Wochenende wie „zuhause“ angefühlt, in Argentinien hatte ich nie ein Heimatgefühl).

Aber eines Tages werde ich aufwachen, hinaus gehen und ohne Navi rumfahren. (habe ich in Richmond glaube ich nach 8 Monaten geschafft- also in der Stadt, die Wege, die ich immer fahren musste, konnte ich schnell).

Und eines Tages werde ich es schaffen, 10 km am Stück zu laufen. Und in den Spagat zu kommen (oder auch nicht). Und 1 Minute Plank zu halten. (oder auch nicht).

Und eines Tages werde ich als Dolmetscherin arbeiten, vielleicht bei den Nachrichten, vielleicht in einer Schule, oder am Gericht, oder in der Kirche.

Und eines Tages werde ich ein Haus mit Veranda und Kamin haben. Spätestens im Himmel dann. Denn: „Sammelt euch aber Schätze im Himmel“ (MatthAus 6:20).

Und bis dahin werde ich jeden Tag aufstehen, studieren, versuchen, mich hier einzugewöhnen, Kontakte knüpfen, Arbeit suchen, Klo putzen, bügeln, Musik hören, backen und laufen. Und meine Dehnübungen machen. Denn: „Today’s choice, tomorrow’s body“.

(Irgendwie war das alles wirr, aber mein Kopf ist auch sehr wirr zur Zeit).

 

 

 

 

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4 Gedanken zu “Langsam.

  1. Oh Lisa, ich kann dich auch so gut verstehen.
    Man nimmt sich vieles vor, hat Ziele die man erreichen möchze (am besten ohne große Arbeit und in kurzer Zeit) und das fu ktioniert einfach nicht. Ich kann ein Lied davon singen 😉

    GEDULD…lerne ich jeden Tag mehr und mehr 🙂 und VERTRAUEN, dass unser Papa im Himmel den Zeitplan genau im Visier hat!

    Bussi

    p.s.: ich kann auch keinem Spagat und bin froh wenn ich 1km durchlaufen kann. 😉

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